Internet und Schule in Hamburg

Sämtliche allgemeinbildenden Schulen in Hamburg sind unzureichend an das Internet angebunden

Update 10. Dezember 2020

Heute gab die BSB bekannt, dass der Bildungssenator 23 Hamburger Schulen die Erlaubnis erteilt hat, Wechselunterricht einzuführen. An diesen Schulen lernen insgesamt 22.025 Schüler*innen. Diese 23 Schulen verfügen zusammengerechnet über eine Anbindungsgeschwindigkeit von 1.410 Mbit/s. Mit dieser Bandbreite könnten etwa 2.300 Personen, also etwa ein Zehntel der Schüler*innen an den betroffenen Schulen, zeitgleich an Videokonferenzen teilnehmen.

Wie ungleich der Zugang zu Internetbandbreite von Behördenseite innerhalb dieser potentiellen Wechselunterrichtschulen verteilt wird, kann gut an der folgenden Grafik abgelesen werden. Den sog. KESS 1-Schulen (="Schulen mit sehr schwierigen sozialen Rahmenbedingungen", Erläuterung des Hamburger Sozialindex) steht durchschnittlich weniger als die Hälfte (42 Mbit/s) der Bandbreite der KESS 5-Schulen (100 Mbit/s) zur Verfügung. Wie diese krasse Ungleichbehandlung der ohnehin schon belasteten KESS 1-Schulen mit den Grundsätzen der Bildungsgerechtigkeit im Einklang steht, ist für Außenstehende nicht zu erkennen (Rohdaten Wechselunterrichtschulen):

6. Dezember 2020

Um die Digitalisierung an den Hamburger Schulen ist es schlecht bestellt. Gerade in der aktuellen Pandemielage ist eine hinreichende Ausstattung der einzelnen Schulen aber die Grundvoraussetzung für gelingenden Fern- bzw. Hybrid- bzw. Unterricht. Die aus dem Digitalpakt 2 angeschafften Endgeräte sollen laut der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) "intensiv im Unterricht eingesetzt werden, damit die Schulen im Fall einer erneuten Einschränkung des Unterrichts zügig auf digitalisierten Fernunterricht umstellen können" (Pressemitteilung vom 10.8.2020).

Der Schulsenator wird nicht müde hervorzuheben, dass sämtliche Hamburger Schulen an das Glasfasernetz angeschlossen sind: "Alle Schulen sind bereits an ein leistungsfähiges Glasfasernetz angeschlossen und haben Netzsteckdosen in allen Unterrichtsräumen" (ebenda). Das klingt zunächst so, als ob die Hamburger Schulen zumindest technisch gut für die aktuellen Herausforderungen gewappnet sein. Was in dieser und anderen Veröffentlichungen der Schulbehörde stets unerwähnt bleibt ist, dass die Internetzugänge sämtlicher allgemeinbildender Schulen Hamburgs durch die BSB "in definierten Bereichen skalier[t]", also gedrosselt werden.

Gängige Videoplattformen benötigen für Videogespräche (in mittlerer Qualität) mindestens 0,6 Mbit/s pro teilnehmender Person (vgl. hier und hier für die von der BSB ausgerollte stadteigene Videokonferenzlösung BigBlueButton). Bei Bildschirmübertragungen werden in etwa doppelt so hohe Datenmengen verursacht. Für das Abrufen eines einzigen Full HD-Videos wird eine Bandbreite von etwa 5 Mbit/s benötigt (vgl. hier und hier).

Tatsächlich wird die Internetanbindung in 47% der allgemeinbildenden Schulen so stark gedrosselt, dass selbst wenn in der betreffenden Schule alle Rechner in den Computerräumen, im Lehrer*innenzimmer, genauso wie die interaktiven Tafeln, Whiteboards und iPads, ausgeschaltet oder zumindest vom Internet getrennt werden, zeitgleich nur eine Lehrer*in genau eine Videokonferenz mit einer halben Klasse oder Lerngruppe halten kann. Mehrere Videokonferenzen zur selben Zeit, Videokonferenzen in voller Klassenstärke oder das Abrufen von mehr als zwei Videos gleichzeitig sind derzeit in knapp der Hälfte der Hamburger Schulen de-facto unmöglich.

Auch an den übrigen 53% der Schulen ist die digitale Lage nicht gerade rosig. Bei einer Anbindung mit 50 Mbit/s wie an 40% der Schulen sind immerhin Videokonferenzen mit knapp 80 Teilnehmer*innen möglich. 12,94% der Schulen sind mit der derzeitigen Maximalgeschwindigkeit von 100 Mbit/s angebunden. Dort sind dann Videokonferenzen mit knapp 160 Teilnehmer*innen zeitgleich möglich. Das klingt zunächst akzeptabel, wenn wir uns aber verdeutlichen, dass es sich hier um Schulgemeinschaften von mitunter knapp 2.000 Menschen handelt, wird schnell deutlich, wie katastrophal unterversorgt alle Hamburger Schulen trotz bestehender Anbindung an das Glasfasernetz sind.

Dieser Missstand wiegt umso schwerer, weil es keinerlei sachliche oder technische Gründe gibt, die eine solche Drosselungen rechtfertigen würden. In Ermangelung von Erklärungen der BSB zu diesem Sachverhalt kann die Motivation für diese Drosselungen allein im Finanziellen vermutet werden. Es ist bestürzend mitanzusehen, wie einerseits vom Senator bei Presseterminen Endgeräte an die Schulen verteilt werden, während seine Behörde andererseits hinter den Kulissen ohne triftigen Grund den Internetzugang der Schulen beschränkt und den Einsatz ebendieser Endgeräte so verunmöglicht. Wie unter diesen Umständen unseren Kindern eine zeitgemäße Bildung in der digitalen Welt zuteilwerden soll, wie sie von der Kultusministerkonferenz und dem Senator 2016 persönlich definierten wurde, bleibt im besten Fall nebulös.

Besonders nachdenklich stimmt indes der Umstand, dass eine Regierung unter sozialdemokratischer Führung den Internetzugang der sog. KESS 1-Schulen (="Schulen mit sehr schwierigen sozialen Rahmenbedingungen", Erläuterung des Hamburger Sozialindex) von allen Schulen am stärksten drosselt. "Kein Kind in Hamburg darf benachteiligt sein, weil es keinen Laptop zur Verfügung hat" (Pressemitteilung vom 5.6.2020). Es hat den Anschein als gelte dieses Benachteiligungsverbot nur für Endgeräte und nicht für Internetanbindungen.

Die Situation an den allgemeinbildenden Schulen in Hamburg ist auf den folgenden Karten, sortiert nach Bezirken, dargestellt (für die Berufsschulen liegen uns aktuell keine Daten vor). Rötliche Symbole markieren Schulen mit keinem oder schlechtem Internet ( unter 1 Mbit/s, bis 10 Mbit/s und bis 50 Mbit/s). Grüne Symbole erhalten Schulen mit schnelleren Anschlüssen ( bis 100 Mbit/s). Breitbandanschlüsse mit mehr als 100 Mbit/s sind dunkelgrün markiert ().

(Aktuell ist laut Auskunft der BSB keine einzige der knapp 350 allgemeinbildenden Schulen in Hamburg mit mehr als 100 Mbit/s an das Internet angebunden, weswegen sich auch kein einziges -Symbol auf diesen Karten finden lässt.)

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Standort
, Hamburg
Aktuelle Anbindung:
Mbit/s symmetrisch
Schüler*innen an der Schule (2019)
Pro Kopf-Bandbreite
Mbit/s
KESS-Faktor
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Altona

Anzahl der Schulen im Bezirk:

54

Durchschnittliche Anbindungsgeschwindigkeit:

35,37 Mbit/s

Durchschnittliche pro Kopf-Geschwindigkeit:

0,07 Mbit/s

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Bergedorf

Anzahl der Schulen im Bezirk:

29

Durchschnittliche Anbindungsgeschwindigkeit:

34,83 Mbit/s

Durchschnittliche pro Kopf-Geschwindigkeit:

0,07 Mbit/s

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Eimsbüttel

Anzahl der Schulen im Bezirk:

46

Durchschnittliche Anbindungsgeschwindigkeit:

35,43 Mbit/s

Durchschnittliche pro Kopf-Geschwindigkeit:

0,08 Mbit/s

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Hamburg-Mitte

Anzahl der Schulen im Bezirk:

50

Durchschnittliche Anbindungsgeschwindigkeit:

31,6 Mbit/s

Durchschnittliche pro Kopf-Geschwindigkeit:

0,17 Mbit/s

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Hamburg-Nord

Anzahl der Schulen im Bezirk:

46

Durchschnittliche Anbindungsgeschwindigkeit:

49,78 Mbit/s

Durchschnittliche pro Kopf-Geschwindigkeit:

0,11 Mbit/s

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Harburg

Anzahl der Schulen im Bezirk:

33

Durchschnittliche Anbindungsgeschwindigkeit:

38,18 Mbit/s

Durchschnittliche pro Kopf-Geschwindigkeit:

0,09 Mbit/s

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Wandsbek

Anzahl der Schulen im Bezirk:

85

Durchschnittliche Anbindungsgeschwindigkeit:

37,06 Mbit/s

Durchschnittliche pro Kopf-Geschwindigkeit:

0,08 Mbit/s

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Hamburg

Das ist die Karte von ganz Hamburg. (Achtung, die Karte könnte sich jetzt langsamer aktualisieren)

Anzahl der Schulen insgesamt:

343

Durchschnittliche Anbindungsgeschwindigkeit:

37,41 Mbit/s

Durchschnittliche pro Kopf-Geschwindigkeit:

0,09 Mbit/s

Wie viel Bandbreite wird für zeitgemäße digitalisierte Bildung auch und gerade in der aktuellen Pandemielage benötigt? Es ist schwer diese Frage eindeutig zu beantworten. Einen ersten Aufschlag dazu haben die Kanzlerin in Zusammenarbeit mit der Bildungsministerin und diversen Kultusminister*innen im August 2020 geliefert. Damals sollten die Länder dem Kanzleramt eine Liste aller Schulen, "die eine Übertragungsrate von 1 MBit pro Schüler unterschreiten", zur Verfügung stellen. Stand jetzt müssten auf dieser Liste alle Hamburger Schulen gemeldet werden.

Der traurige Status Quo bedeutet, dass sich aktuell mitunter knapp 2.000 Menschen an Schule einen Internetanschluss von 50 Mbit/s teilen müssen. Dieser Zustand darf nicht länger aufrecht erhalten werden. Wir sind - wie auch digital affine Teile der Berliner Elternschaft - der Meinung, dass Schulen mit 50 Mbit/s pro Schulklasse an das Internet angebunden werden müssen damit unsere Kinder, wie es die Kultusministerkonferenz selbst einfordert, "zu einem selbstständigen und mündigen Leben in einer digitalen Welt befähigt werden".

Von diesem Ziel ist Hamburg aktuell leider in etwa so weit entfernt, wie die Bedarfserhebung der BSB von den tatsächlichen Bedarfen an den Schulen. Als Zwischenlösung auf dem Weg zur zeitgemäßen Ausstattung sollte wenigstens die künstliche Drosselung der Internetzugänge aller Hamburger Schulen umgehend aufgehoben werden.

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6. Dezember 2020

Diese Webseite zeigt die aktuell maximal verfügbare Internetanbindungsgeschwindigkeit an den allgemeinbildenden Schulen Hamburgs. Die Daten zu den aktuell maximal verfügbaren Geschwindigkeiten wurden von der Fraktion Die Linke in der Hamburger Bürgerschaft in mehreren Schriftlichen Kleinen Anfragen erfragt, auf ihnen basiert diese Website:
Drucksache 22/989, Drucksache 22/1300, Drucksache 22/1486, Drucksache 22/1527.
Die Rohdaten können hier heruntergeladen werden. Das Layout, Design und die Programmierung dieser Website basieren auf der Vorarbeit von Thomas Tursics aus Berlin (Elternvertreter, Mitglied im Landeselternausschuss Berlin (LEA) und Sprecher AG Digitalisierung des LEA) für die wir sehr dankbar sind. Seine Webseitenquelltexte können Sie auf github ansehen und frei (MIT-Lizenz) verwenden.
Haben Sie eine Anmerkung oder einen Fehler entdeckt, dann freuen wir uns über Ihre E-Mail.
Impressum

14. Dezember 2020

Die BSB spricht in den Antworten auf die Schriftlichen Kleinen Anfragen selbst von einer synchronen Anbindung der Schulen. Gemeint ist höchstwahrscheinlich symmetrisch (Upload-Geschwindigkeit = Download-Geschwindigkeit). Aufgrund von Hinweisen durch Leser*innen haben wir uns entschieden auf unserer Seite den sachlich richtigen Begriff symmetrisch zu verwenden. Vielen Dank für Ihre Hinweise!